Lernumgebungen
Naturwissenschaften zwischen Fakten und medialer Verzerrung
Schüler:innen begegnen naturwissenschaftsbezogenen Aussagen heute nicht nur im Schulbuch, sondern vor allem in medialen Räumen. In diesen wird selten strikt zwischen Information und Meinung oder zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft unterschieden. Die folgenden acht Unterrichtsbausteine (Tab. 1) wurden entwickelt, um entsprechende Problematiken zu adressieren und zum Kompetenzerwerb im Bereich der Scientific Media Literacy (SML) [1] beizutragen (Abb. 1). Zentrale Ziele sind somit, dass die Schüler:innen mehr über Medien lernen und die Glaubwürdigkeit naturwissenschaftsbezogener Medieninhalte leichter beurteilen können. Innerhalb der Unterrichtsbausteine werden verschiedene thematische und kompetenzbezogene Schwerpunkte gesetzt. Die Unterrichtsbausteine können unabhängig voneinander und fächerübergreifend in den regulären Unterricht integriert werden. Alternativ können auch nur einzelne Aufgaben aus den Materialien übernommen werden.
Im Folgenden werden die acht Unterrichtsbausteine kurz vorgestellt. Die Materialien, welche weiter unten zum Download bereitstehen, enthalten neben konkreten Unterrichtsmaterialien einen tabellarischen Stundenverlaufsplan oder vergleichbare Hinweise zum Ablauf (vgl. Projekte aus Baustein 7), zentrale Lernziele und Musterlösungen. Hieraus können detailliertere Informationen zum jeweiligen Unterrichtsbaustein entnommen werden.
Entwickelt von Pauline Mundt, Christian Zowada und Nadja Belova
Abb. 1: Dimensionen der Scientific Media Literacy (SML) in Anlehnung an [1]
Tab. 1: Übersicht über die Unterrichtsbausteine und ihre reguläre Länge
| Nr. | Unterrichtsbaustein | Zeit |
|---|---|---|
| 1 | Verbreitung naturwissenschaftlicher Informationen | 90 min |
| 2 | Kontroversen in der Chemie und Darstellung in den Medien am Beispiel Glyphosat | 180 min |
| 3 | Herausforderungen in den Medien | 90 min |
| 4 | Strategieentwicklung: Umgang mit Medieninhalten | 60 min |
| 5 | Science Washing am Beispiel Alpecin | 90 min |
| 6 | Quantenphysik zwischen Forschung und Fiktion | 90 min |
| 7 | Anwendung Methoden wissenschaftlichen Arbeitens: Projekt I: Perspektivwechsel Pseudowissenschaft und Datenerhebung entlang von Fragebögen Projekt II: Artefaktanalyse entlang von Beiträgen in den sozialen Medien | flexibel |
| 8 | Reflexion experimentellen Debunkings am Beispiel Klimawandel | 90 min |
⬤ Verbreitung naturwissenschaftlicher Informationen (Unterrichtsbaustein 1)
SML-Schwerpunkte: Einfluss von Wissenschaft auf Gesellschaft, Nature of Science
Fachbezogene Einbettung: Naturwissenschaftliche Informationen allgemein
Medien besitzen große Bedeutung für die Verbreitung naturwissenschaftlicher Informationen [2]. Der Unterrichtsbaustein thematisiert genau diese Rolle der Medien, wobei das Zusammenspiel von Wissenschaftler:innen, Gesellschaft und Medien hervorgehoben wird. Die Schüler:innen erstellen eine digitale Skizze des Weges der Verbreitung naturwissenschaftlicher Informationen, welche sie im Verlauf des Unterrichts erweitern. Entlang der Skizze erläutern sie die Komplexität der Informationsverbreitung und die Veränderungen des klassischen, journalistisch geprägten Gatekeepings durch die modernen Medien [2]. Hierbei werden mediale Phänomene wie die Filterblase, Echokammer, Falschinformationen und die zunehmend aktivere Rolle der Gesellschaft eingeführt. Der Unterrichtsbaustein ist nicht chemiespezifisch konzipiert und kann somit auch in anderen Fächern – vor allem in den Naturwissenschaften – eingesetzt werden.
⬤ Kontroversen in der Chemie und Darstellung in den Medien am Beispiel Glyphosat (Unterrichtsbaustein 2)
SML-Schwerpunkte: Zugang, Analyse, Beurteilung, Produktion, Einfluss von Wissenschaft auf Gesellschaft
Fachbezogene Einbettung: Glyphosat
Abb. 2: Rollenkarten für die Beitragserstellung
⬤ Herausforderungen in den Medien (Unterrichtsbaustein 3)
SML-Schwerpunkt: Analyse
Fachbezogene Einbettung/ Kontexte der Beiträge: Kosmetik, Klimawandel, Impfungen, Pandemie, Pseudowissenschaft, Chemtrails
In den modernen Medien treten verschiedene Phänomene auf, die den Umgang mit Medieninhalten erschweren. Daher greift dieser Unterrichtsbaustein Manipulation, Desinformationen, Misinformationen, Verschwörungsmythen, Pseudowissenschaft, Echokammer und Clickbait auf. Die Schüler:innen erarbeiten in Gruppen in einer Kurs-Mindmap eines der Phänomene, ordnen diesem Beispiele zu und vergleichen die Phänomene im Anschluss untereinander. Bei der Erarbeitung werden die jeweiligen Definitionen (Abb. 3), Absichten und Folgen genauer betrachtet. Zum Ende des Unterrichts reflektieren die Lernenden, welches der Phänomene im Alltag den größten Einfluss auf sie hat. Insgesamt wird besonders die Analyse von naturwissenschaftsbezogenen Medieninhalten gefördert [1]. Jedoch können die Materialien durch das Austauschen der Beispiel-Beiträge auf beliebige andere Fächer übertragen werden.
Abb. 3: Definitionen zweier Phänomene
⬤ Strategieentwicklung: Umgang mit Medieninhalten (Unterrichtsbaustein 4)
SML-Schwerpunkte: Analyse, Beurteilung
Fachbezogene Einbettung: keine
Dieser Unterrichtsbaustein kann als Zwischensicherung dienen, indem die Schüler:innen alle Konzepte, die ihnen zuvor im Unterricht begegnet sind, in Form eines Glossars zur Verfügung gestellt bekommen und auf dieser Grundlage eine Anleitung (etwa in Form einer Checkliste) entwickeln. Die Unterrichtsmaterialien können jedoch auch unabhängig von den anderen Einheiten eingesetzt werden. Im Anschluss an ihre Erstellung soll die Anleitung den Schüler:innen eine strukturierte Möglichkeit bieten, um die Glaubwürdigkeit verschiedener Medieninhalte zu überprüfen. Sie dient somit als Hilfsmittel für die Analyse und Beurteilung zukünftiger Inhalte [1]. Um die Qualität der selbst erstellten Anleitung zu überprüfen, kann sie im Unterricht auf bereits bekannte Beiträge angewendet werden. Die Materialien sind aufgrund ihrer fehlenden fachlichen Einbettung auf diverse andere Unterrichtsfächer übertragbar.
⬤ Science Washing am Beispiel Alpecin (Unterrichtsbaustein 5)
SML-Schwerpunkte: Zugang, Analyse, Beurteilung, Nature of Science
Fachbezogene Einbettung: Kosmetik, Pseudowissenschaft
Abb. 4: Exemplarische Science Washing Merkmale
⬤ Quantenphysik zwischen Forschung und Fiktion (Unterrichtsbaustein 6)
SML-Schwerpunkte: Analyse, Beurteilung, Nature of Science, Einfluss von Wissenschaft auf Gesellschaft
Fachbezogene Einbettung: Quantenphysik, Pseudowissenschaft
Pseudowissenschaft ist in verschiedenen Kontexten besonders in den sozialen Medien zu finden. Sie wird als echte Wissenschaft ausgegeben, erfüllt jedoch die gängigen Gütekriterien nicht, wodurch sich in den meisten Fällen ein wirtschaftlicher Vorteil erhofft wird [5]. Auch die Quantenphysik wird gehäuft zur Zielscheibe von Pseudowissenschaft. Deshalb verknüpft der Unterrichtsbaustein genau diese Aspekte, indem eine vertrauenswürdige und eine pseudowissenschaftliche Quelle im Bereich der Quantenphysik miteinander verglichen werden. Das Material lässt sich daher besonders gut im Physikunterricht einbetten, jedoch ist auch die Behandlung in anderen naturwissenschaftlichen Fächern möglich, da die Glaubwürdigkeit nicht zwingend entlang des Fachwissens beurteilt wird. Im Unterrichtsbaustein geht es genau um diesen Aspekt: Es gibt Themenbereiche, die so stark spezialisiert sind, dass unser Fachwissen an Grenzen stößt. Jedoch knüpft genau hier oft die Pseudowissenschaft an. Somit müssen wir herausfinden, wem wir trauen können [2]. Während des Unterrichts positionieren sich die Schüler:innen wiederholt zu der Glaubwürdigkeit einer seriösen Quelle (Abb. 5). Der Quellenausschnitt wurde durch die Präsentation isolierter Aussagen so gerahmt, dass die Quelle zunächst unglaubwürdig erscheinen kann. Die Schüler:innen sollen anhand des Beispiels erkennen, wie stark der Kontext und die Quellenherkunft die eigene Einschätzung beeinflussen.
Abb. 5: Positionierungen der Schüler:innen zu Stundenbeginn und ‑ende
⬤ Anwendung Methoden wissenschaftlichen Arbeitens (Unterrichtsbaustein 7)
Im Rahmen zweier Projekte werden Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens mit Themen aus dem Bereich der naturwissenschaftlichen Medienbildung verknüpft. Entsprechend finden Sie in den Materialpaketen anstelle von tabellarischen Stundenverlaufsplänen Vorschläge für den alternativen Einsatz der Materialien im regulären Unterricht.
⬤ Perspektivwechsel Pseudowissenschaft und Datenerhebung entlang von Fragebögen (Unterrichtsbaustein 7.1)
SML-Schwerpunkte: Zugang, Produktion, Nature of Science
Fachbezogene Einbettung: Pseudowissenschaft, Fragebogenerstellung
Da es einige pseudowissenschaftliche Produkte auf dem Markt gibt, sollen die Schüler:innen die Perspektive von Produktentwickler:innen einnehmen. Somit wird im ersten Projekt in Gruppen ein pseudowissenschaftliches Produkt entwickelt und mit einer Datenerhebung entlang eines Fragebogens verknüpft. Dabei sollen die Schüler:innen die Strategien der Pseudowissenschaft durch den Perspektivwechsel vertieft reflektieren, um entsprechende Muster in ihrem Alltag besser erkennen zu können. Dies kann mit einem Fragebogen zum Produkt verbunden werden. Der Fragebogen kann entweder selbst Meinungen erzeugen, die das Produkt aufwerten oder Proband:innen befragen, was an dem entwickelten Produkt seltsam ist. In jedem Fall müssen die Erkenntnisse aus der Einheit und die Konzeption der Fragebögen mit den Schüler:innen umfassend reflektiert werden. Die Bedeutung des Einhaltens wissenschaftlicher Gütekriterien und die möglichen Folgen von Pseudowissenschaft spielen dabei eine entscheidende Rolle. Alternativ können die Materialien zur Analyse bereits vorhandener pseudowissenschaftlicher Produkte eingesetzt werden.
Abb. 6: Merkmale pseudowissenschaftlicher Produkte in Anlehnung an [6]
⬤ Artefaktanalyse entlang von Beiträgen in den sozialen Medien (Unterrichtsbaustein 7.2)
SML-Schwerpunkte: Zugang, Analyse, Einfluss von Wissenschaft auf Gesellschaft
Fachbezogene Einbettung: Fluorid, Chemophobie, chemische Industrie, Wissenschaftskommunikation
Abb. 7: Artefakt zum Thema Fluorid (erstellt mit Canva AI)
⬤ Reflexion experimentellen Debunkings am Beispiel Klimawandel (Unterrichtsbaustein 8)
SML-Schwerpunkte: Beurteilung, Zugang, naturwissenschaftliches Fachwissen, Einfluss von Wissenschaft auf Gesellschaft
Fachbezogene Einbettung: Klimawandel, Beurteilung eines Modellexperiments
Im Kontext Klimawandel häufen sich die Falschinformationen, welche in den sozialen Medien in Form von Beiträgen und Kommentaren ungefiltert auf Konsumierende einströmen. Faktenchecker:innen versuchen dieser Herausforderung zu begegnen, indem sie Falschinformationen systematisch entlang von Debunking Strategien widerlegen [7]. In der Regel nutzen sie dafür das laterale Lesen [3, 7]. In diesem Unterrichtsbaustein steht jedoch das Debunking entlang eines Modellexperiments im Fokus, welches im Anschluss durch laterales Lesen ergänzt wird. Dabei erhalten die Schüler:innen konkret eine recht komplexe Aussage eines Instagram-Beitrags, welche sie entlang eines Modellexperiments versuchen zu widerlegen und die Grenzen des Modellexperiments beim Widerlegen beurteilen. Nach der Identifizierung der Grenzen sollen die Schüler:innen diese durch zusätzliche Informationen ausgleichen und die Falschinformation endgültig widerlegen. Dabei können sie auf ein Factsheet im Materialpaket und laterales Lesen zurückgreifen. Zum Stundenende sollen die Lernenden den Zeitaufwand des Aufstellens einer Falschinformation und des Widerlegens dieser gegenüberstellen. Dabei wird deutlich, warum die Arbeit von Faktenchecker:innen erschwert ist und warum es wichtig ist, dass Menschen selbst in der Lage sind, Informationen in den Medien zu beurteilen.
Abb. 8: Modellexperiment nach [8] zum Widerlegen einer Falschinformation
Downloads und Links
-
Arbeitsmaterial
Verbreitung naturwissenschaftlicher Informationen (Unterrichtsbaustein 1)
-
Arbeitsmaterial
Kontroversen in der Chemie und Darstellung in den Medien am Beispiel Glyphosat Teil 1 (Unterrichtsbaustein 2)
-
Arbeitsmaterial
Kontroversen in der Chemie und Darstellung in den Medien am Beispiel Glyphosat Teil 2 (Unterrichtsbaustein 2)
-
Arbeitsmaterial
Herausforderungen in den Medien (Unterrichtsbaustein 3)
-
Arbeitsmaterial
Strategieentwicklung: Umgang mit Medieninhalten (Unterrichtsbaustein 4)
-
Arbeitsmaterial
Science Washing am Beispiel Alpecin (Unterrichtsbaustein 5)
-
Arbeitsmaterial
Quantenphysik zwischen Forschung und Fiktion (Unterrichtsbaustein 6)
-
Arbeitsmaterial
Projekt I: Perspektivwechsel Pseudowissenschaft und Datenerhebung entlang von Fragebögen (Unterrichtsbaustein 7)
-
Arbeitsmaterial
Projekt II: Artefaktanalyse entlang von Beiträgen in den sozialen Medien (Unterrichtsbaustein 7)
-
Arbeitsmaterial
Reflexion experimentellen Debunkings am Beispiel Klimawandel (Unterrichtsbaustein 8)
Literatur
-
[1] Chang Rundgren, S.-N. & Rundgren, C.-J. (2014). SSI pedagogic discourse: embracing scientific media literacy and education for sustainable development to face the multimedia world. In I. Eilks, S. Markic & B. Ralle (Hrsg.), Science education research and education for sustainable development. (S. 157–168). Aachen: Shaker.
-
[2] Höttecke, D. & Allchin, D. (2020). Reconceptualizing nature-of-science education in the age of social media. Science Education, 104(4), 641–666.
-
[3] Philipp, M. (2022). Laterales Lesen lernen: Mit mehreren geöffneten Tabs einzelne Websites aufrufen und prüfend sowie selektiv lesen. Praxis Deutsch, 292, 32–35.
-
[4] Siegel, S. T. & Terdenge, J. (2023). The fine art of detecting sciencewashing: definition, consequences, forms & prevention. Wissenschaftskommunikation.de. https://www.wissenschaftskommunikation.de/the-fine-art-of-detecting-sciencewashing-definition-consequences-forms-prevention-65003/
-
[5] Döring, N. (2023). Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften, 6. Auflage. Heidelberg: Springer.
-
[6] Focke, J. & Doeckel, M. (2025). Scharlatan-Crashkurs: So erfindet ihr euer eigenes Wundermittel – Quarks Science Cops Folge 115. Quarks, ARD. www.quarks.de/podcast/so-erfindet-ihr-euer-eigenes-wundermittel-quarks-science-cops/
-
[7] van der Linden, S. (2022). Misinformation: susceptibility, spread, and interventions to immunize the public. Nature Medicine, 28(3), 460–467.
-
[8] Langensiepen, T. & Eilks, I. (2025). Der Treibhauseffekt in der Cola-Flasche: Die Wirkung von Kohlenstoffdioxid demonstrieren. Naturwissenschaften im Unterricht Chemie, 36(210), 40–41.